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20.06.2017

Lesezeit: etwa 4 Minuten

Literarisches Schatzkästchen Schlesien!

Sascha A. Roßmüller 

Welch eine Fülle literarischer Persönlichkeiten schenkte uns doch Schlesien! Denken wir an Jakob Böhme, von dessen wirklichkeitsbezogener und zugleich schöpferischer Sprache eine Faszination ausging, die bis in den Pietismus wirkte und zu seiner Neuentdeckung in der Romantik führte. Oder Andreas Gryphius, dem Verfasser des ersten deutschen Kunstdramas sowie dem ersten Schauspiel in schlesischer Mundart. Nicht weniger muß hier Martin Opitz genannt werden, dem vom Kaiser die Würde des poeta laureatus verliehen wurde. Bereits während seiner Beuthener Gymnasialzeit verfaßte er ein Bekenntnis zur deutschen Sprache und nicht allein durch sein Werk "Von der deutschen Poeterey" beeinflußte dieser Poesie, Lyrik und Dramatik seiner Zeit nachhaltig. Oder erinnern wir an Johannes Scheffler alias Angelus Silesius. Im 17. Jahrhundert waren die Schlesier in Deutschland die Dichter schlechthin. Ihr Dichten war oftmals eng verwandt mit der schlesischen Mystik und einer Art mit der Seele zu denken.

Diesem speziellen Erkenntnis- und Gestaltungsdrang waren auch ein Daniel von Czepko, Quirinus Kuhlmann, und ein Christian Hofmann von Hoffmannswaldau in ihrem Schaffen verpflichtet. In dieser Zeit wirkte auch ein Daniel Casper von Lohenstein, der in seinem Roman "Arminius" mittels eines künstlerisch gestalteten Spiegelbilds der Zeit die Erinnerungen an das alte Germanien wecken wollte, indem er den Freiheitskämpfer zum barocken Heros stilisierte. Zu Schlesien gehört auch Karl Eduard von Holtei, der schwer zu übergehen ist, wenn man sich mit dem konservativen Roman, dem Adelsroman oder dem Landschaftsroman des 19. Jahrhunderts auseinanderzusetzen gewillt ist. Schlesier sind August Kopisch, ein Spätromantiker vor klassizistischem Hintergrund mit einem Anflug von poetischem Realismus oder Heinrich Laube, dessen historisches Drama "Die Karlsschüler" sowie seine Neufassung eines "Demetrius" Zeugnis seiner großen Schillerverehrung waren. Der Schlesier Moritz Graf Strachwitz wiederum hat vor allem mit seinem Balladenwerk Maßstäbe gesetzt.

Wahre Literaturgrößen hat Schlesien in der Epoche der Romantik aufzuweisen. Wer kennt nicht die Verse Josef von Eichendorffs „Es schläft ein Lied in allen Dingen / Die da träumen fort und fort / Und die Welt hebt an zu singen / Triffst du nur das Zauberwort.“ Eichendorff zählt zu den meistvertonten deutschsprachigen Lyrikern. Seine Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ gilt als ausklingender Höhepunkt der Romantik. Eichendorffs idyllische Lebens- und Naturschilderungen sind geprägt von einem einfachen, aber vielschichtigen Geflecht aus metaphorischer Symbolik zur Deutung von Welt, Natur und Seele, das sich von reinem Nützlichkeitsdenken abhebt. Aber auch ein Paul Keller, dessen Werke durchweg Trost, Hoffnung, Lebensmut und Zuversicht atmen, steht für die zwei Schlüsselwörter der Romantik: Heimat und Friede. Nichts könnte dies besser ausdrücken als ein Auszug aus seinem Roman „Die Heimat“: „Sie sah ihn fragend an, und er schaute ihr ernst, aber mit tiefer Liebe in die schönen Augen und sagte langsam und mit jener leisen Feierlichkeit, mit der man eine schwer gewonnene Lebensweisheit ausspricht: Heimat ist Friede!"

Mit zu den bekanntesten schlesischen Literaturschaffenden gehört Gustav Freytag, dessen dreibändiger Roman „Soll und Haben“ zu einem der meistgelesenen Romane des 19. Jahrhunderts wurde. Unter dem Motto, das deutsche Volk in seiner Tüchtigkeit, nämlich bei seiner Arbeit darzustellen, wurde das Werk zum Inbegriff des aufstrebenden Bürgertums. Nicht weniger Ruhm erlangte der Nobelpreisträger Gerhard Hauptmann, der trotz einer Vielzahl an Werken hauptsächlich für sein Schauspiel "Die Weber" bekannt ist. Besonders erwähnenswert ist aber sein letzter großer Roman aus dem Jahr 1936, „Im Wirbel der Berufung“, in dem der junge Priester Francesco im Frühlingsrausch des blühenden Tessin der heidnischen Schönheit des verfemten Hirtenmädchens Agata verfällt. Darin spielt Hauptmann in unübertrefflicher sprachlicher Eleganz ohne zu direkt zu werden mit stets nur dezent angedeuteten Anzüglichkeiten, und hält so über das ganze Buch hinweg eine erotische Spannung, die Thomas Mann zu dem Jubel entzückte: „Welche Trunkenheit! Welches Überwältigtsein von sinnlicher Herrlichkeit! Und bei weitem ist das in seiner Dichtung das einzige Beispiel nicht enthusiastischer Verfallenheit, tiefer Hingenommenheit vom Ewig-Leiblichen. Der Gekreuzigte und Dionysos waren in dieser Seele mythisch vereinigt, wie in derjenigen Nietzsches...

Einer der letzten namhaften schlesischen Literaten, ehe die Heimatvertreibung einsetzte war Hermann Stehr, Mitglied des Reichskultursenats, von dem das wohl schönste Kompliment an eine Mutter stammt: "Sie war eine stille Frau, deren Seele so rein und groß und reich blühte, daß sie ohne Intellektualismus im Besitz der ganzen Wunder dieser Erde war." Sein bekanntester Roman ist wohl „Der Heiligenhof“. - Unvergessliches Schlesien!

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