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03.02.2017

Lesezeit: etwa 7 Minuten

Volkswirtschaftliche Systemkritik ist ein Gebot der Stunde!

Die Datenlage schreit geradezu nach einer grundlegenden Wirtschaftsdebatte

Sascha A. Roßmüller 

Marktwirtschaft mit dezidiert globaler Dimension, dafür umso weniger protektionistischem Sozialanspruch, einseitige Exportorientierung, Freihandelsstreben und währungspolitische Nivellierung beschreiben in groben Zügen die Architektur des vorherrschenden Wirtschaftssystems. Und obgleich die diversen Krisenherde zahlreicher und die Intervalle ihres Eintretens kürzer werden, sprich die Systemstabilität empirisch zunehmend widerlegt wird, versucht das Globalisierungsestablishment Glauben zu machen, unsere heutige internationalistische Wirtschaftsform wäre alternativlos. Zwar dürfte speziell die Wirtschaftspolitik derjenige Bereich sein, der am allerwenigsten dogmatisch, sondern vielmehr datenbasiert und ergebnisorientiert kreativ sein sollte, dessen ungeachtet versucht man seitens der Mainstream-Ökonomen jegliche Änderung der Denkrichtung bereits als rückständig zu diffamieren. Womöglich wird aber ein Zurück zum unvoreingenommenen Wirtschaftsdiskurs die einzig wirkliche Alternativlosigkeit sein, um überhaupt die richtigen Weichenstellungen vornehmen zu können, einem permanenten ökonomischen Krisenmodus zu entrinnen.

Betrachtet man gewisse Zahlen und Werte in Deutschland erscheint der Pfad des wirtschaftlichen Niedergangs keineswegs als Phantasieprodukt von Verschwörungstheoretikern. Allein schon das bis 2050 prognostizierte Durchschnittsalter von 49,5 Jahren läßt kaum künftige Leistungsspitzen von rekordverdächtigen Ausmaßen erwarten. Auch ist inzwischen die Bevölkerungszusammensetzung sowie die soziale Struktur längst nicht mehr dieselbe, wie in den Jahren, in denen der Grundstock für ein volkswirtschaftlich starkes Deutschland gelegt wurde. Man möge allerdings nicht völlig ausblenden, welche Bedeutung soziologische und kulturelle Rahmenbedingungen für die Frage einer festgefügten wirtschaftlichen Prosperität haben. Wer lebt nun überhaupt in welcher Form in Deutschland? In 2014 waren nur noch 19,4 % aller Haushalte solche klassischer Ehepaare mit Kindern und der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung lag bei 20,3 %. Doch auch die originär wirtschaftlichen Daten rechtfertigen kritische Nachdenklichkeit. Insbesondere darf eine gewisse Verschiebung vom produzierenden Bereich hin zu nicht-produzierenden Sektoren den dauerhaften Wachstumsprognosen - ungeachtet deren prinzipiell zweifelhafter Sinnhaftigkeit - berechtigte Skepsis angebracht erscheinen lassen. Und dabei handelt es sich um keine Momentaufnahme, sondern eine langanhaltende - man könnte somit sagen, zum System gewordene - Dauererscheinung. Während der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Wertschöpfung von 1991 bis 2015 um 5,1 % zurückging, stieg der im Bereich Information, Finanzierung, Vermietung, Unternehmensdienstleister um 5,3 % an.

Unbestreitbar stiegen zwar die Zahlen der anteilsmäßig erwerbstätigen Personen im Bereich von beispielsweise Information, Finanzierung, Vermietung, Unternehmensdienstleister in den zwei zurückliegenden Jahrzehnten von 1995 bis 2015 von 13,8 % auf 20,1 % bzw. auch bei den öffentlichen oder sonstigen Dienstleister von 28,8 % auf 31,0 % an. Doch ob diese Entwicklung bei den Dienstleistungen dauerhaft aufrechterhalten werden kann, wenn nicht im Gegenzug die produzierenden Bereiche im Mindesten ihren Status Quo beibehalten, darf bezweifelt werden, und dabei ist der Aspekt des Entlohnungsniveaus bei reiner Betrachtung der Beschäftigten noch nicht einmal berücksichtigt. Im besagten Vergleichszeitraum sank jedoch der Anteil der Erwerbstätigen in Forst-, Landwirtschaft und Fischereiwesen von 2,3 % auf 1,5 %, was Manchen, oberflächlich betrachtet, evtl. als wenig relevant erscheinen mag, allerdings handelt es sich dabei immerhin um die Ernährungsgrundlage auf unabhängiger Basis. Beim Baugewerbe sank der Anteil der Erwerbstätigen von vormals 8,7 % auf 5,6 % und im produzierenden Gewerbe von 23,2 % auf 18,8 %. Wenn sich aber immer mehr Beschäftigte in prekären Verhältnissen im Niedriglohnbereich und immer weniger im produzierenden Bereich befinden, ist dies eine Veränderung einer Volkswirtschaft von sehr grundlegender Natur, die nicht ohne Folgen bleiben wird. Noch 1990 lag auch der Anteil der Teilzeitbeschäftigten bei 15 %, währenddessen dieser bis zum Jahr 2014 auf bereits 28,3 % anstieg. Inwiefern unsere Volkswirtschaft vom Fachkräftemangel bedroht ist, wäre einer regionalen und branchenorientierten Untersuchung mit differenziertem Blick wert. Ob nämlich der kontinuierlich immer geringer werdende produzierende Sektor tatsächlich des Wettbewerbs um fremde Fachkräfte von außerhalb Deutschlands bedarf, mag man berechtigt hinterfragen, wenn man zur Kenntnis nimmt, daß die Zahl der Auszubildenden mit 1,331 Millionen im Jahr 2015 zumindest nicht eklatant niedriger lag, als noch 1990 mit 1,477 Millionen. Zum nichtdeutschen Fachkräftestand im Land: 28,7 % derjenigen Ausländer, die in 2015 sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, gingen einer Tätigkeit im Gastgewerbe nach und 12,5 % Dienstleistungen überwiegend im privaten Bereich. 14,6 % aller abhängigen ausländischen Erwerbspersonen waren im Jahresdurchschnitt 2015 arbeitslos.

Nicht zu unrecht wird der Innovationsfähigkeit einer Volkswirtschaft hohe Bedeutung zugemessen, doch verlief auch auf diesem Gebiet trotz Zunahme der Investitionen die Entwicklung nicht gleichmäßig. Betreffend der Investitionsstruktur nahm der Anteil der Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) von 1991 bis 2014 um 4,3 % zu, jedoch der Anteil der Ausrüstungsinvestitionen um 7,1 % ab. Insbesondere wird das Thema Innovation nicht mit Blick auf intakte Kreisläufe regional geschlossener Wertschöpfungsketten, sondern vorwiegend hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit innerhalb einer internationalisierten Globalwirtschaft behandelt. Dies hat zur Folge, daß oftmals der Substanzverlust eines profitgetriebenen Verdrängungswettbewerbs die gesellschaftlich wünschenswerten geschäftsbelebenden Wettbewerbsziele überwiegt. Deshalb ist es von ordnungspolitischer Notwendigkeit, daß Marktgesetze dort eine sozialorientierte Eingrenzung erfahren, wo diese beginnen, sich standortvernichtend auszuwirken. Dies bedeutet jedoch, den Blick nicht allein auf die globale Freihandelsbilanz zu legen, sondern sozioräumliche Strukturen in den Vordergrund zu rücken. Nicht nur, aber auch deshalb ist es interessant, einen Blick auf die Entwicklung des Außenhandels zu werfen, um die ideologischen Verlautbarungen der Exportfanatiker - unter dem Lichte der Faktenlage besehen - bewerten zu können.

In 1991 machte der auf den Export zurückzuführende Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 23,7 % aus und unterschied sich nur gering vom importbasierten Anteil mit 24,2 %. Demnach waren 52,1 % des BIP unabhängig von der Import-/Export-Wirtschaft, sprich unabhängig vom Außenhandel erwirtschaftet. Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von Entwicklungen der Weltwirtschaft bzw. die Anfälligkeit gegenüber externen Veränderungen war noch wesentlich überschaubarer als heute. 2015 sah dies bereits völlig anders aus: Nur noch 14 % des BIP waren unabhängig von Im- und Exportwesen sowie sich Export und Import zudem unterschiedlich entwickelten. 46,9 % trug der Export zum BIP bei und 39,1 % der Import. Nicht nur, daß die geschlossenen Wertschöpfungsketten im Inland weniger werden, sollte der Exportweltmeister in seiner unreflektierten Feierlaune über diesen Titel nicht aus den Augen verlieren, wie hoch der importierte Anteil an Vorprodukten zu den Exportgütern ist. Ein Frage, die vor allem im Zusammenhang mit der Forderung nach nationaler Währungssouveränität und der Bewertung eines starken Währungskurses als - nach Karl Schiller - „Sozial-Dividende für das Volk“ bedeutsam ist. Die Wareneinfuhr des Exportweltmeisters hatte umgerechnet in Euro 1990 eine Größenordnung von 293,2 Milliarden Euro und stieg bis 2015 auf 948,1 Milliarden Euro an. Auffällig ist auch ein eklatantes Auseinanderklaffen der Direktinvestitionsströme. Betrachten wir das Jahr 2015 so sehen wir, daß deutschen Direktinvestitionsströmen ins Ausland ohne reinvestierte Gewinne in Höhe von 82,151 Milliarden Euro ausländische Direktinvestitionsströme nach Deutschland ohne reinvestierte Gewinne von 35,815 Milliarden Euro gegenüberstanden. Nicht weniger aufschlußreich zur Einschätzung speziell der propagandistisch überhöhten Bedeutung der Europäischen Union sind die Anteile der Warenausfuhr nach Ländergruppen, sank doch die Ausfuhr in die EU-27 von 64,7 % im Jahr 2000 auf 58 % in 2015. Noch deutlicher war in diesem Zeitraum das Sinken sogar betreffend der Eurozone, da wir hier im Vergleichszeitraum einen Rückgang von 45,4 % auf 36,4 % beobachten können.

Alles in Allem läßt sich unschwer feststellen, daß im Deutschland heutiger Zeit mit rund 70 % aller in seiner „sozialen Marktwirtschaft“ befindlichen Betriebe ohne tarifvertragliche Bindung und einer staatlichen Gesamtverschuldung von 67 % (Stand 2015) des BIP - ohne die Schulden der kommunalen Zweckverbände - kein Grund besteht, die vorherrschende Wirtschaftspraxis nebst deren zugrunde liegenden Philosophie mittels der geistlosen Etikettierung der Alternativlosigkeit jeglicher Kritik zu entziehen. Und selbstredend sollte anstelle von durchschaubaren Plänen zur Abschaffung des Bargeldes sinnvoller über eine Reform auch der Geldwirtschaft im speziellen nachgedacht werden, um die zahlreichen Kollateralschäden des finanzstrategisch operierenden Kapitals künftig auszuschalten. Man wird nicht umhinkommen, sich früher oder später dem Problem zu stellen, daß die zum systemimmanenten Selbstzweck gewordenen Ansprüche des Kapitals auf Beteiligung an der volkswirtschaftlichen Leistung zu Lasten des Arbeitsanteils solange kontinuierlich zunehmen, um dieses System einzig mittels regelmäßiger Kapitalvernichtungen im Krisenausmaß zurückzusetzen und dadurch am Laufen zu halten. Zwar artikulieren zahlreich Globalisierungskritiker entlang der Symptome wogegen sie sind, versäumen aber weitgehend noch, aus den analytischen Betrachtungen Gegenentwürfe zu entwickeln, die nicht allein bei lediglichen Umverteilungspostulaten stehen bleiben. Das grundlegende Axiom alternativen ökonomischen Denkens ist die Integration des Wirtschaftssystems in soziokulturell definierte Räume innerhalb derer auf regionale Binnenstrukturen geachtet wird. Demzufolge sollte sich die entortete Marktwirtschaft wieder innerhalb verorteter Märkte abspielen müssen, deren soziales Element seinen Ausdruck findet, indem anstelle der blinden Huldigung eines entgrenzten Wettbewerbsdogmas auf strukturelle Vielfalt abgezielt wird.

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