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03.12.2016

Lesezeit: etwa 5 Minuten

Volkstumsliteratur und Heimatkunstbewegung

Ein kurzer Aufsatz zur besinnlichen Jul- bzw. Weihnachtszeit mit etwas weniger Politik und dafür mehr Kultur – enthält vielleicht die ein oder andere Anregung zur Lektüre in der Winterzeit:

Sascha A. Roßmüller

Stilgeschichtlich fiel die die literarische Heimatkunst im deutschsprachigen Raum nicht plötzlich vom Himmel, sondern - wie könnte es auch anders sein – entwickelte sich mit den Stilepochen bzw. aus ihnen heraus, war somit etwas Gewachsenes. Naturalismus und Realismus waren ein fruchtbarer Nährboden für die Heimat- und Volkstumsliteratur. Insbesondere Ludwig Anzengruber und Peter Rosegger entwickelten in naturhafter Kulturpoesie ein wurzelhaftes Gegenbild zum Industrialismus. Anzengruber darf vielleicht als Schöpfer oder aber als Vollender des Bauerndramas bezeichnet werden, in dem sich ursprüngliche Heimatverbundenheit und zusammengehöriges Sozialgefühl verbinden. Zwar war auch der Schweizer Jeremias Gotthelf ein meisterhafter Darsteller bäuerlichen Lebens, doch als Volksdramatiker mit psychologisch unerbittlichen Charakterdarstellungen und rückhaltloser Aufdeckung volksschädigender Mißstände scheint Anzengruber nahezu einzigartig. Und indem selbst über den düstersten Sittengemälden bei ihm noch ein helles Licht strahlt, welches seine Weltbejahung als der Weisheit letzten Schluß beleuchtet, vermag er es, in seinen Dramen, in denen das Volk selbst der Held ist, das Publikum mit sich selbst und ihrer Welt zu versöhnen.

Unter der Vielzahl seiner Werke verdienen es neben seinem bekanntesten Werk „Der Meineidbauer“, dessen Titelheld man durchaus neben Shakespeares „Richard III.“ stellen kann, noch „Die Kreuzelmacher“ sowie „Der Sternsteinhof“ oder auch „Das vierte Gebot“ hervorgehoben zu werden. Seine Komödie „Die Kreuzelschreiber“ kann sogar als ein bäuerliches Seitenstück zu „Lysistrate“ des Aristophanes gelesen werden. Und die Figur des Steinklopferhans darin entbehrt auch keineswegs des philosophischen Anspruchs, der hinter dem alten Hellas anstehen müßte. Auch Peter Rosegger, der die Urbanisierung als Feind eines gesunden Gedeihens des Landes ansah, ist im Kern stets volkstümlich geblieben, wenngleich ihm neben der sozialen Frage auch die uralten und ewig neuen Welträtsel keine Ruhe ließen, weshalb nicht zuletzt „Der Gottsucher“ als sein Hauptwerk angesehen werden darf. Weitere dieser Stilepoche zuzurechnende Literaturpersönlichkeiten dieses Genres wären der Tiroler Adolf Pichler - der mit einer bewaffneten Studentenschar 1848 die Südgrenze Tirols gegen die Italiener verteidigte - und der angebliche Lieblingsschriftsteller Kaiser Wilhelms II, Ludwig Ganghofer. Die soziale Lage der Bauern beschreibt Ganghofer ebenso wie das Aufeinandertreffen von Fortschritt und Aberglauben, allerdings stets mit der konservativen Vision einer fürsorglichen monarchischen Ordnung. Ganghofer war wie sein Freund Ludwig Thoma, dessen Grab in Rottach-Egern neben dem seinigen liegt, Mitglied der Deutschen Vaterlandspartei. Inzwischen bedauerlicherweise ins Vergessen geraten ist der Vorarlberger Franz Michael Felder, der ein berufener literarischer Gestalter seines Volkstums war.

Die als „klassisch“ zu bezeichnende Heimatkunst in der Literatur brachte Autoren hervor, die auch dazu übergingen, den vorgenannten Themenkreis anhand regionaler Stammeseigenarten und in teilweiser Verwendung der jeweiligen Mundart zu konkretisieren. Wobei ein gesellschaftskritischer Impetus häufig hinter einem Herausarbeiten des stillen Glücks im Winkel, in dem sozusagen die Welt noch im Lot ist, zurücktrat. Als ein an Fontane heranreichender Lebensdarsteller ist der Oberlausitzer Wilhelm von Polenz zu nennen, der trotz schlichter Sachlichkeit mehr von den geistigen Bewegungen der Zeit verarbeitete, als der Franzose in seinen Milieudarstellungen. Polenz ist ein wichtiger Anstoß zur Gesundung einer an einem geistlos gewordenen Naturalismus erkrankten Kunst, die ihre Ursprünglichkeit verlor. Die Bedeutung des Naturalismus sollte nicht so sehr auf seiner technischen Wissenschaftlichkeit beruhen, sondern in seinem volkstumsbezogenen Lebensgehalt. In seinem Bekanntheitsgrad viel zu wenig gewürdigt ist auch Fritz Stavenhagen, der unter anderem mit „Jürgen Piepers“ eine an Anzengrubers „Meineidbauer“ erinnernde mecklenburgische Bauerntragödie schrieb und 1904 mit „Mudder Mews“ gemessen an der Eindringlichkeit des Milieus, der Konzentration der Handlung sowie der Durchdringung der Volkspsychologie ein Drama schuf, das selbst verwandte Stücke des weitaus bekannteren Gerhard Hauptmann übertrifft. Ebenso vermag es das vieraktige Drama „Die im Schatten leben“ von Emil Rosenow, der in Manchem an Ibsen erinnert, an Gewaltigkeit mit Hauptmanns „Weber“ aufnehmen. In der Entwicklung der Handlung sowie einer unvergleichlichen Menschengestaltung weist Rosenows Komödie „Kater Lampe“ noch weit über das soziale Drama hinaus und darf zurecht als eines der besten Lustspiele überhaupt gelten. Zu den beiden Nordeutschen Stavenhagen und Rosenow darf der mit mindestens der selben Bravour arbeitende Tiroler Karl Schönherr gestellt werden, der mit „Glaube und Heimat“ seinen größten Erfolg erzielte und dessen in seiner psychologischen Leistung beachtenswertes Drama „Der Weibsteufel“ während des Weltkrieges 1915 viel Aufsehen erregte. Der Norddeutsche Tim Kröger ist, wenngleich nicht ebenso bekannt wie Storm oder Raabe, laut Einschätzung, die Prof. Adolf Bartels in seiner Literaturgeschichte tätigt, dennoch auf Augenhöhe neben diese zu stellen. Als Repräsentantin der holden Weiblichkeit in der Heimatliteratur möge hier Helene Voigt-Diederichs stehen, die es verstand, mit dem ihr zu eigenen feinsten weiblichen Geist edelste weibliche Charaktere zu schildern. Zwar bleiben Viele in diesem kurzen Abriß unverdienterweise ungenannt, doch mag hiermit zu einer weitergehenden Befassung mit der Heimatkunstbewegung eingeladen werden.

Die Volkstumsliteratur und Heimatkunstbewegung zeichnet sich durch die Verbindung einer kritischen, aber wertkonservativen Sozial- und Kulturschilderung mit einem liebevollen, träumerischen Hineinhorchen in das stille Leben und Weben der Naturlandschaft, einem Sichversenken in das Geheimnisvolle, das die Dinge umschwebt, einem Lauschen auf die Seelenregungen archetypischer Persönlichkeitscharaktere, einer Mystik, die in jeder Landschaft ein über dem Zufälligen erhabenes Wesen entdeckt, das mit schmerzlich glühendem Lächeln den Betrachter anschaut, aus. Das mit naturalistischem Blick und neuromantischem Gefühl großartige Gedankenschätze oftmals in kleiner Münze unters Volk gebracht werden, erhöht nur die Wirkmächtigkeit dieses Genres.

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