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16.10.2012

Lesezeit: etwa 4 Minuten

Günter Grass

Sascha A. Roßmüller

xxxxxxxxxxxstraße x
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An Herrn
Günter Grass
xxxxxxxxxstraße xx
D-xxxxx xxxxxxxxxxx

xxxxxxxxxxx, den 16. Oktober 2012

 

Was ebenfalls gesagt werden muß…bzw. mir ein persönliches Bedürfnis ist, zum Ausdruck zu bringen.

Sehr geehrter Herr Grass,

ich bin mir zwar dessen bewußt, daß ich nicht zwangsläufig davon ausgehen darf, unter der Vielzahl an Zuschriften, die Sie vermutlich erhalten, insbesondere anläßlich Ihres Geburtstages, zu welchem auch ich hiermit gratuliere, eine derart herausgenommene Wahrnehmung beanspruchen zu dürfen, die bestenfalls sogar auf eine Antwort hoffen läßt, und dennoch ist es mir ein Bedürfnis, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Es geht mir hierbei um die Kontaktaufnahme mit Ihnen als einem der meist renommierten Intellektuellen im Land, dem es – vorhersehbarer öffentlicher Kritik zum Trotz – gelingt, oder nochgelingt, über das, was nicht gesagt werden soll, Öffentlichkeit herzustellen.

Dabei möchte ich weniger darüber sprechen, was Sie im Zusammenhang mit der israelischen Regierung formulierten, da vermutlich die diesbezüglich genannten Tatsachen für eine zumindest relevante Zahl der Menschen kaum strittig sein dürften bzw. die zum Ausdruck gebrachten Befürchtungen vielfach nachempfunden werden, sondern möchte an Sie als einem Kenner der politisch-medialen Mechanismen herantreten, um die auffälligen Besonderheiten der Reaktionen bezüglich deren Gleichzeitigkeit, Gleichförmigkeit, ja vielleicht sogar Gleichschaltung zu thematisieren. Mehr noch, die besondere Qualität an geistiger Niveaulosigkeit, welche scheinbar bestrebt ist, Anspruchslosigkeit durch Beleidigungsrhetorik zu kompensieren, die offensichtlich nichts anderes bezwecken will, als jeglichen weiteren inhaltlichen Diskurs als eine Unverschämtheit moralisch zu delegitimieren. Aus diesem Grunde auch - der Ihrer Biographie völlig entgegenstehende - Antisemitismusvorwurf gegen Sie.

An diesem Punkt angelangt, halte ich es für noch wichtiger als über Israel zu sprechen, über Deutschland zu reden. Sehen Sie nicht auch die Gefahr, daß sich in der Bundesrepublik inzwischen eine „politcal correctness“ in sämtliche gesellschaftlichen Bereiche „hinein-metastasiert“ hat, in dessen Folge bereits opportunistische Reflexe bezüglich bestimmter Tabuthemen entstanden, die nicht nur eine Selbstzensur induzieren, indem sich im Falle des auch nur geringsten Verdachts eines Abweichens vom sog. Mainstream sich vielfach selbst bereits Denkverbotszonen auferlegt werden, sondern darüber hinaus singuläre Ausbrüche aus dieser geistigen Stickluft mit augenscheinlicher Methode jeglicher Möglichkeit beraubt werden, sich im Meinungsbildungsprozeß angemessen zu artikulieren.

Eine Analyse des Philosophen Peter Sloterdijk, die dieser 2009 gegenüber der Zeitschrift CICERO wie folg skizzierte, trifft es meines Erachtens ziemlich genau: „…Wir haben uns – unter dem Deckmantel der Redefreiheit und der unbehinderten Meinungsäußerung – in einem System der Unterwürfigkeit, besser gesagt: der organisierten sprachlichen und gedanklichen Feigheit eingerichtet, das praktisch das ganze soziale Feld von oben bis unten paralysiert. Dies gilt, wohlgemerkt, nicht für die aktuelle deutschsprachige Literatur, die farbig und ausdrucksstark ist wie seit langem nicht. Aber unsere sogenannte „Öffentlichkeit“, der politisch-publizistische Raum, die Sphäre der vorgesagten und nachgesagten Meinungen ist auf eine Weise durchsterilisiert und homogenisiert, dass man meinen möchte, fast alle, die bei uns öffentlich das Wort nehmen, kämen geradewegs aus dem Desinfektionsbad…“

Sie mögen sich jetzt fragen, weshalb ich Ihnen dies alles schreibe, wo Sie aufgrund jüngsten eigenen Erlebens, sowie auch als mit Sicherheit aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens einer Belehrung nicht bedürfen werden. Nebenbei bemerkt, liegt mir eine Belehrung auch völlig fern. Ich maße mir aber an, das Petitum an Sie zu richten, gerade wegen Ihres Renommees, gerade wegen der Kritik, der Sie sich derzeit zu vergegenwärtigen haben, gerade wegen des Zeitpunktes um Ihren 85. Geburtstag, die Bundesrepublik Deutschland zu kritisieren. Ihr pazifistischer Impetus im Zusammenhang mit Ihrem „Israel-Gedicht“ mag zwar - vordergründig betrachtet - gemessen an einer Güterabwägung mit dem Klima der Meinungsäußerung hierzulande schwerer wiegen, doch ist nicht bei genauerer Betrachtung eine in wesentlichen Bereichen fehlende Kritik innerhalb der Bundesrepublik eine zumindest indirekte Weichenstellung für weltpolitische Entwicklungen im Rahmen internationaler Bündniskonstellationen? – Warum habe ich geschwiegen?Nein, ICH habe nicht geschwiegen, mir fehlt nur die Stimme! Ihre ist wahrnehmbarer, und bislang noch vollständig und unzensiert. Insofern ersuche ich Sie, diese Ihre Stimme in konsequenter Fortsetzung dessen, was Sie begonnen, als Kritik an der Kritik an Ihnen zu erheben. Ich halte dies für wichtig, ja sogar notwendig, und sollten daraufhin weitere Persönlichkeiten von gesellschaftlicher Reputation einstimmen, könnte es sogar entscheidend werden.

Altbundespräsident Roman Herzog sagte einmal, dieses Land bräuchte ätzende Kritik, und vielleicht hatte er Recht. Woher diese Kritik – ehe sie ausbleibt – kommt, ist sekundär, nur Gewicht sollte sie haben. Ich halte Sie augenblicklich wie nur Wenige für geeignet, etwas anzustoßen. Deshalb wende ich mich auch an Sie, wenngleich ich nicht wie Sie der politischen Linken angehöre, doch mich bewegt nicht das Partikularinteresse, sondern ein – wie ich glaube – allgemeines subkutanes Unbehagen, das keinen Ausdruck findet.

Selbstverständlich würde ich gerne von Ihnen hören, doch sofern Sie mir zustimmen, zöge ich Sie öffentlich zu vernehmen einer persönlichen Antwort sogar vor. Sollten Sie die Dinge allerdings völlig anders gelagert betrachten, würde ich umso dringlicher eine persönliche Antwort erbitten, um nicht einer durch Kommunikationsmangel schwer zu ergründenden Verständnislosigkeit anheimgestellt zu sein.

Mit freundlichen Grüssen
Sascha A. Roßmüller



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