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10.06.2013

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Räsonieren über Grundsätzliches. - Wo und wie leben wir?

Territorial im globalen Dorf, das einer Dorfgemeinschaft entbehrend, auf der verzweifelten Suche nach einer Weltbürgergesellschaft ist, die vielleicht mit den Worten des Philosophen Peter Sloterdijks nicht ganz unzutreffend mit einem psychopolitischen Großkörper als einer von medial induzierten Streß-Themen in Schwingung versetzten Sorgengemeinschaft umschrieben werden kann. Um bei Sloterdijk zu bleiben charakterisiert dieses Zeitalter nicht, dass die Erde um die Sonne läuft, sondern dass das Geld um die Erde läuft. Entsprechend dem letztgenannten Phänomen tendieren Institutionen und Regelwerke dazu, den abgeleiteten Produktionsfaktor Kapital seiner dienenden Funktion zu entbinden und diesem als Selbstzweck alles Andere als Mittel unterzuordnen. Die Würde selbst Zweck zu sein, wird nach diesem Paradigma lediglich noch in der Rolle des „Humankapitals“ erfahren. Das Alltagsleben entwickelt sich innerhalb eines paradoxen Spannungsfeldes von affektierten Eigenverantwortungspostulaten und gleichzeitig durch technokratische Großinstitutionen zu verantwortenden phlegmatisch und/oder autistisch ertragenen Entmündigungsprozessen. Zudem sind wir einem anschwellenden Unruhezustand ausgesetzt, indem wir uns zur Lebensbewältigung immer mehr Mobilität abverlangen, obwohl doch die modernen Kommunikations- und Verkehrsmöglichkeiten die Entfernungen in der zunehmend vernetzten Welt relativiert haben, und diese Welt doch angeblich „kleiner“ wurde. Umso mehr die Vernetzung die Welt grenzenloser macht, desto stärker werden doch dem Menschen seine eigenen Grenzen aufgezeigt. Hierzu noch einmal Sloterdijk: „Man sollte nicht überrascht sein, wenn sich zeigt, wie mit fortschreitender Weltvernetzung die Symptome der Misanthropie anwachsen.“ Gefangen in der vernetzten Welt. Und wo bleibt der viel zitierte gesellschaftliche Fortschritt? Liegt vielleicht das Dilemma darin, dass der prägenden Weltsicht heutiger Tage anstelle eines realistischen Menschenbildes ein idealisiertes oder anderweitig artifizielles zu Grunde liegt? Gnothi seauton, besser bekannt als nosce te ipsum, und zu deutsch, Erkenne Dich selbst, lautete schon die Inschrift auf dem Apollo-Tempel zu Delphi. Selbsterkenntnis wird sprichwörtlich auch als Weg zur Besserung empfohlen. Womit wir beim „Wir“ angelangt sind, sofern heute davon noch die Rede sein kann. Die moderne Lebensform bringt immer mehr bindungslose Sozialatome hervor, die in Konsequenz einem individualistischen Freiheitsbegriff mit einseitiger Vorfahrtsregel der Rechte vor den Pflichten das Übergewicht verleiht. Bleibt zu hoffen, dass uns das Leben auf lange Sicht mit dieser Gewichtung nicht für zu leicht befinden wird. Unter der Prämisse eines aristotelischen Menschenbildes als zoon politikon, das den Menschen als Gemeinschaftswesen auffasste, war eine Selbsterkennisaufforderung im Singular wohl noch unmissverständlich, doch wer heute der Meinung ist, dass das Ganze mehr ist, als nur die Summe seiner Teile, wäre genötigt, die Aufforderung im Plural zu formulieren: Noscete vos ipsos! Wer könnte nun mit „Wir“ gemeint sein? Welche Stationen gibt es zwischen dem Individuum und seiner höchsten Abstraktion der „Menschheit“, und vor allem, welche Bedeutung haben sie? Die biologischen und kulturellen Entwicklungsstufen von der Familie über Völker bis hin zu Nationen und supranationalen Gebilden weisen einen abnehmenden gemeinsamen Nenner auf, so dass Nachhaltigkeit und Gesamtstabilität des Ganzen nicht ohne Berücksichtigung der kleineren Bestandteile zu gewähren ist. Der Bezugsrahmen von Heimatregionen, historischer Erfahrung und letztendlich Identität ermöglicht ein Erkennen im überindividuellen Kontext im Gegensatz zur Unkenntlichkeit einer absoluten Menschheit. Unter dem Begriff Menschheit ist in vielerlei Hinsicht nicht mehr zu verstehen, als wenn von der „Pferdheit“ oder der „Katzenheit“ die Rede wäre. Ein Versuch, im Planfeststellungsverfahren die Architektonik eines alternativlosen global village der kosmopolitischen Weltbürger, d. h. mit unifizierter Menschheit zu konstruieren, wird nicht zwangsläufig zu mehr Menschlichkeit führen, da diese „Unifizierung“ einer kulturellen Gleichschaltung entspricht und die ingeniöse Kulturanlage als Wesensmerkmal der Menschen beschneidet. Wer unter Negation von Volkszugehörigkeiten Mensch - als Weltbürger - gleich Mensch setzt, befördert somit einen genosuizidalen Kulturabriss. Für eine reine Zivilisation benötigt man allerdings nur Bürger (lat. Cives), gleich welcher Art, eine solche kann selbst mit einem Kulturkastratentum aufrechterhalten werden. Für Kultur jedoch ist das gemeinsame Verlangen der Pflege (lat. colere: ehren, plegen) von liebgewonnenem Gewohntem, zumeist Überliefertem nötig. Somit sind neben den Transparenzvorteilen und erleichterten Mitbestimmungsmöglichkeiten auch im Sinne des kulturellen Wettbewerbs oder auch der wechselseitigen Befruchtung gerade im Zeitalter einer Globalisierung regionale Aspekte, Völker und Nationalstaaten wichtiger denn je.
 

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