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23.01.2019

Lesezeit: etwa 9 Minuten

Zum 60. Todestag von Hans Venatier - Tot ist nur, wer vergessen ist!

Zum 60. Todestag von Hans Venatier - Tot ist nur, wer vergessen ist!

Der schlesische Dichterpädagoge kunstvoll wie eh und aktueller denn je!

Wenn es ein literarischer Künstler und tiefgründig-wegweisender deutscher Denker verdient hat, vor dem Vergessen bewahrt zu werden, dann ist es mit Sicherheit der Schlesier Hans Venatier, der das Zeug zu einem großartigen Lehrer seines Volkes gehabt hätte, wäre er nicht weitgehend von einer verständnislosen Zeit unerhört geblieben. Am 19. Januar 1959 verstarb Hans Venatier in Düsseldorf.

Venatier erblickte am 15. Februar 1903 in Breslau das Licht der Welt. Nach dem Besuch des dortigen Gymnasiums studierte dieser vielseitig gebildete Geist in Breslau, wie aber auch in Königsberg und München, Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Latein und Religion. Neben diesem umfangreichen Programm und seinem späteren Schreiben fand er auch Zeit seines Lebens noch Raum für die Musik, die Ausdruck seines Wesens war. Seine Vorstellung von Bildung war umfassend ganzheitlicher Natur, ohne blutleer rationalistische Beschränkung. Man kann das Wesen von wahrer Bildung kaum besser formulieren als Venatier es tat:»Gebildet sein heißt: ein weites Feld überblicken, auf einem Gebiet Meister sein, aber von den letzten Gebieten, welche das geistige Auge nicht mehr erreicht, doch noch wissen, daß sie da sind.« Noch während seiner Studienzeit war er sowohl in der Landwirtschaft, als auch im Bergwerk tätig und erweiterte dadurch seinen praktischen Gesichtskreis. 1935 wurde er als Dozent für Geschichte an die Hochschule für Lehrerbildung nach Hirschberg ins Riesengebirge berufen. Alsbald erschien auch sein Erstlingsroman „Vogt Barthold“, der bereits ein großer Erfolg wurde. Mit diesem Roman, für den er den Wilhelm Raabe-Preis erhielt, zeichnet Venatier ein beeindruckendes Geschichtsbild der schlesischen Besiedlung.

Den Krieg erlebte der Dichterpädagoge als Infanterieoffizier von den Pyrenäen bis Stalingrad. Er erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse sowie das Infanterie-Sturmabzeichen. Nach Kriegsende landete er für drei Jahre in einem amerikanischen Internierungslager. Trotz der persönlichen und vaterländischen Not verstummte der Künstler nicht einmal hinter Stacheldraht und arbeitete weiter an seinen künftigen Werken. Nach seiner Kriegsgefangenschaft ließ er sich nach dem Verlust seiner schlesischen Heimat mit seiner Familie im Westerwald nieder. 1950 wurde er Gymnasiallehrer in Betzdorf/Sieg, ein Jahr später Studienrat am Staatlichen Gymnasium in Betzdorf für die Fächer Deutsch, Geschichte, Politische Gemeinschaftskunde, Evangelische Religion und Latein. Sein bekannter Nachkriegsroman „Der Major und die Stiere“, der 1956 sogar verfilmt wurde, könnte unter das Motto gestellt werden, das Leid durch Lachen zu überwinden. Venatier war keine rein unpolitische Künstlernatur, dies hätte nicht seinem Verantwortungsgefühl und Pflichtbewußtsein entsprochen. Während seines Studium schloß er sich bereits den Freikorps an, die sich dem Schutz seiner Heimat Schlesien verschrieben hatten. Hans Venatier war kein Gelehrter, der sich hinter dem Schreibtisch verschanzte, vielmehr war er ein Lehrmeister, in dem sich Geist und Tat verbanden. Er war vor allem ein Mann, der sich nicht intellektuell bis zur Beliebigkeit rechtfertigte, sondern stets Position bezog, und dies nicht im Fahrwasser der Macht. So trat er auch im Jahre 1932 – also noch vor der Kanzlerschaft Hitlers – der NSDAP bei und wurde für einen schöngeistigen Menschen wie ihn angemessen auch im Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK) tätig.

Der Mann der Stirn diente ebenso wie seine Kameraden der Faust als Soldat im tragischen Völkerringen. Allerdings zehrten Krieg und nachfolgende Gefangenschaft wie bei so vielen nachhaltig an seiner Gesundheit. Hans Venatier nahm an allem, was sein Volk schicksalhaft ereilte persönlich teil, so daß sich in ihm individuelle und Kollektiverfahrung vereinten. Doch weit mehr als die physische Belastung schmerzte den durch und durch Ehrenmann Venatier das Gift der politischen Nachstellung im Nachkriegsdeutschland und trieb ihn am 19. Januar 1959 letztendlich sogar in den Freitod. In seinen Abschiedsbriefen teilte er mit, daß er, als Staatsfeind verdächtigt, bereits seit 1953 politisch überwacht wurde. Zwei O-Töne Venatiers können vielleicht ein wenig verdeutlichen, wie Hans Venatier, der doch bereits so vieles ertragen hatte, sein zwar provoziertes, aber letztendlich doch selbstbestimmtes Ende verstanden wissen möchte. „Wer nicht stirbt, wenn ihm die Möglichkeiten zu seiner Kunst genommen werden, ist nie ein Künstler gewesen“, sagt die leidenschaftliche Künstlernatur Venatier. „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“, spricht die Kämpfernatur in ihm. Und eine solche war er, auch wenn sein Freitod oberflächlich betrachtet missverstanden werden kann. Doch wäre Venatier ein labiles Gemüt gewesen, das sich lediglich den Widrigkeiten des Lebens nicht mehr zu stellen in der Lage gewesen wäre, hätte er viel früher ausreichend entsprechende Schicksalsschläge zum Anlaß nehmen können. Sein vaterländisches Bekenntnis „Ich habe in den Jahren, die ich hinter Stacheldraht verbringen mußte, weder den Glauben an mich und meine Gabe, noch an meinen Gott, noch an mein Vaterland verloren“, dürfte dies hinreichend belegen.

Zu empfehlen ist Hans Venatier vor allem, weil er in der heutigen Zeit zunehmenden Staatsverfalls wieder an Aktualität gewinnt, indem er auf diejenigen Tugenden verweist, die einzig zukunftsfähig sind. „Wenn der Staat gedeihen soll, dann brauchen wir nicht Versicherungsscheine, sondern Gläubigkeit und Hingabebereitschaft. Ich weiß als Historiker, daß noch jeder Staat kaputt ging, dessen Bürger diese Eigenschaften vergaßen“, lautet beispielsweise eine seiner zahlreichen gesellschaftsrelevanten Erkenntnisse. Eine weitere läßt deutlich den Pädagogen in ihm erkennen, wenn er feststellte: „Die Demokraten von heute beklagen sich, daß die Jugend keine Ideale habe. Im gleichen Augenblick verfluchen sie die Männer als Staatsfeinde, die der Jugend Ideale zu geben vermögen. Treue, Ehre, Opfersinn!“ Im werterelativistischen Nihilismus verloren, nur Forderungen stellend, verliert sich letztendlich das Verständnis auch für die höchsten Güter, und Venatiers Mahnung hallt bis in unsere Gegenwart: „Freiheit! Freiheit!, brüllt nun der Haufe und hat doch keinen Begriff, was Freiheit ist. Freiheit, das ist: über einer Sache stehen und sie zu gebrauchen wissen, daß sie helfe, geplante Werke zu verrichten.“ Und den Verantwortungsträgern schrieb Venatier Zukunftsorientierung ins Pflichtenheft, wenn er forderte: „Die Weisheit der Regierenden muß in Jahrhunderten denken.“ Venatier wußte aber ebenso, daß leider nur selten die Besten zur Führung berufen sind. „Derer, denen der Mantel ihres Amtes die Schultern breit macht, sind allzumal mehr, als derer, die von Gott aus breit sind“, fasste er dies – heute nicht weniger zutreffend als gestern – bildhaft in Worte.

Eine besondere Bedeutung in Zeiten eines wiederaufkeimenden Religionskrieges durch das Vordringen radikal-islamischer Religionseiferer gewinnt Venatiers ausgesprochen tiefsinniger Roman „Narren Gottes“. Dieser wahrlich herausragende Historienroman im barockisierenden Stil und Form einer Chronik entstand in fast zehnjähriger Arbeit zwischen 1939 und 1948 und basiert auf akribischer Quellenrecherche zur Zeit der Glaubenskämpfe in Schlesien nach dem Dreißigjährigen Krieg. Venatier arbeitet eindrucksvoll heraus, welches Unglück ein dogmatischer Kampf der Konfessionen heraufbeschwören kann. So sehr man dieses grandiose Werk angesichts der heutigen Entwicklung zwangsläufig verleitet ist, unter dem Licht eines sich mehr und mehr Raum greifenden religionsfanatischen Islamismus zu lesen, beinhaltet es vor allem aber auch eine kollektive Charakteranalyse des deutschen Wesens, die den um Identitätsbewahrung bemühten Volksteilen wertvolle Bausteine zu seiner Selbsterkenntnis zur Hand gibt. Was sagt uns Hans Venatier nun aber zum Glauben? Seine Antwort, alles andere als engstirnig, bietet eigentlich erst die Grundlage zu religiöser Toleranz, ohne jedoch das spezifisch Eigene unter den Tisch zu kehren. „Wer die höchste Stufe der Gottesschau erklommen, weiß, daß eine Religion nur ist wie eine Farbe im Regenbogen, welcher wiederum nicht ist, als ein Teil des gesamten Lichtes, das unsre Erde überflutet. Also sieht auch jeder Glaube, nur einen Teil von Gott, den nämlich, welcher ihm nach seiner Art zukommt.“ Auch der faustischen Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, wich Venatier nicht nur nicht aus, sondern wagte in seinem Historienroman auch eine Antwort, die da lautet: „Treue gegen alles, wozu einen das Schicksal gestellet, scheint mir auch einer der Urgründer der Welt.“

Welches Bild zeichnete aber Venatier in seinem Roman „Narren Gottes“ von den Deutschen? „Es quält sich der Teutschen Gemüt um nichts so als um die Gerechtigkeit“, schreibt Venatier und charakterisiert die besondere Kraft ihres Herzens wie folgt: „So sind die Teutschen, wo sie einen aufrechten Mann wittern, da fragen sie nicht nach Stand und Konfession, sie lieben ihn. Warum nützt ihr diese Kraft nicht aus, ihr Regierenden? Tut ihr´s aus Dummheit nicht oder aus Bosheit? Das Herz der Teutschen ist wie das Tor in Frau Holles Berg. Mit dem Rammbock kriegt ihr´s nicht auf, aber vor der zärtlichen Hasel öffnet sich´s schnelle.“ Und wie zeitgemäß, ja geradezu hochaktuell klingt die Mahnung an sein Volk vor den Abgründen der Politik: „O du ehrliches teutsches Gemüt! Wann wirst du begreifen, daß Politica eine Gauklerin ist und kein ehrliches Hausweib? Sie gehet nicht vorne zur Tür rein, sondern schlüpft durch den Schweinestall, wo sie wie eine Ratte ihr gottloses Geschlecht ausheckt, und eh du´s gedacht, mußt du dein angestammt Hauswesen räumen. Aber ihr werdet´s nie lernen, ihr Teutschen! Darum dümpeln sie euch heut und in alle Ewigkeit!“

Ob Venatier mit dem nachfolgenden Zitat in Gedanken lediglich bei seinem Roman und in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges war, möge der Leser für sich selbst beantworten: „Hätten´s die Herren, die uns den Krieg eingebrockt nur vorher bedacht! Aber sie wollen es wohl, daß der ehrliche Teutsche, den sie scheuen, weil er einen so klugen erfindungsreichen Kopf hat, in die Reihe der Tiere gedrückt wird.“

Wer sich selbst einen Gefallen tun möchte, der möge Hans Venatiers 60. Todestag zum Anlaß nehmen, diesen großartigen schlesischen Dichterpädagogen in seinen Lektürekanon aufzunehmen, um das kulturelle Kleinod seines Werkes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen!

Sascha A. Roßmüller

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